Eighteenth Post – Meiner Eltern Tochter

(I might post an English version soon)

Ich erinnere mich, als ich meine erste Psychotherapie machte, sagte ich meiner Therapeutin, dass ich im Grunde genommen ein glücklicher Mensch sei. Ich beschrieb einen Ozean, an dessen Oberfläche zwar Stürme das Wasser aufpeitschen und den Himmel verdunkeln konnten, aber in den tieferen Regionen bliebe alles ruhig und ausgeglichen. Damals war das auch so, als noch das strukturierte Leben eines Kindes führen konnte – auch, wenn ich dem Alter her natürlich als erwachsen bezeichnet hätte werden können. Ich habe mich gelegentlich nach dem Grund meiner Existenz gefragt, und damals, als mein Alltag aus vergleichsweise mühelosem und fremdstrukturiertem Schulunterricht bestand, war die Antwort “Für das Glück derjenigen, die dich lieben” auch gut genug.

Jetzt steht das Bild dieses Ozeans noch immer, mit wechselnden Wettern an der Oberfläche, aber durch den Verlust dieser halt gebenden Strukturen ist es nun so, dass in der Tiefe eine gleichbleibende Leere und Traurigkeit herrscht, zu der alles immer wieder zurückpendelt. Die Anstrengungen, die das Leben mir nach meiner Wahrnehmung abverlangt, lassen mich immer öfter die Frage stellen, was der Sinn und das Ziel dahinter sind. Die bisherige Antwort behält natürlich ihre Gültigkeit, aber sie reicht nicht aus, die Frage befriedigend zu beantworten, sei es nur deswegen, dass ich mittlerweile reflektiere, dass es auch ein intrinsisches Ziel im Leben geben müsste, und dass es bei vielen um mich herum so selbstverständlich zu sein scheint, dass sich diese Fragen gar nicht stellen.

Die Ratschläge, die ich erhalte, sind offensichtlich, aber nicht hilfreich. Der Sinn wäre zunächst einmal nicht relevant dafür, die momentan anstehenden Dinge anzugehen; das stimmt vermutlich, aber wann ist er denn dann relevant? Wann ist es legitim zu sagen, dass man keinen Zweck im eigenen Dasein sieht? Ich versuche mich an diesen Ratschlag zu halten und kämpfe mich durch diese angepriesenen kleinen Schritte. Manchmal mit Erfolg, öfter mit einem Fehlschlag – natürlich fühlen sich die Erfolge gut an, ich habe mich durch etwas durchgekämpft und das Ergebnis erzielt, das es werden sollte. Ich sage mir, dass es einfacher wird, wenn ich erst einige Erfolge erzielt habe, einige Aufgaben abhaken kann, aber nach und nach erkenne ich immer, dass das nicht stimmt. Es wird nicht einfacher oder weniger anstrengend. Ob ich eine Aufgabe geschafft habe, oder nicht, wirkt sich nicht darauf aus, wie anstrengend der nächste kleine Schritt ist. Und so zehren die kleinen Schritte an meinen Kräften; jeden Morgen aufwachen, durchkämpfen, schlafen gehen, bis mir das Aufstehen immer ein bisschen schwerer fällt, und ich meine Lüge, dass ich nur noch ein bisschen weiter machen muss, damit es leichter wird, mehr und mehr als diese wahrnehme. Jede Aufgabe erfordert mehr Überwindung, erscheint sinnloser und die unbeantwortete Frage, warum ich das alles tue, ist immer schwieriger wegzuschieben.

Das ist der Moment, in dem mir wieder alles entgleitet, meine selbstauferlegten Strukturen fallen in sich zusammen, meine sorgfältigen Dokumentationen verlieren ihren Wert, die Kontakte und Hobbies, mit denen ich mich abzulenken versuche, werden anstrengend und belastend. Trainingspläne, Ernährungstagebuch, Stimmungstagebuch, Arbeitspläne, Malen, selbst Videospiele, die immer mein letzter Zufluchtsort sind, verlieren ihre halt gebende Funktion und brechen zusammen. Ich flüchte mich in den Schlaf, weil es die einzige Möglichkeit scheint, all diesen Verpflichtungen, Fragen und Gedanken zu entkommen, für die ich keine Antwort weiß und mir niemand, den ich fragte, eine geben konnte.

Und so, um ein anderes Bild zu gebrauchen, wird es um mich herum langsam dunkler, während mir die Kraft ausgeht, die Flammen am Leben zu halten und mir nach und nach alles bedeutungslos erscheint. Übrig bleibt eine kleine, flackernde Kerze, die mir sagt, dass ich der Welt nichts zu geben habe und für niemanden etwas sein kann, das nicht auch ein anderer an meiner Statt geben oder sein könnte, außer einer Rolle, die tatsächlich niemand anderes erfüllen kann als ich: Meiner Eltern Tochter sein. Daran klammere ich mich, an den Gedanken, dass sie, die immer alles richtig gemacht haben, die ich mir nicht besser hätte wünschen können, es von allen am wenigsten verdient hätten, dass ihre Welt so gewaltsam zerschlagen wird, noch dazu von meiner Hand. Wie undankbar und selbstsüchtig wäre das von mir.

Ich soll meine Gedanken und meine Leere mitteilen, sehe die Traurigkeit, das Entsetzen und die Verzweiflung, die sie in denen auslösen, die mich lieben, sage mir, dass das kein Ausweg ist, den ich verantworten kann und so stehe ich auf, und erkämpfe den nächsten kleinen Schritt.

Und damit geht dieser Zyklus aus Licht und Dunkelheit, Kampf und Kapitulation, weiter, bis mir das nächste Mal mein Leben aus meinen kraftlosen Fingern gleitet und es die Verzweiflung meiner Nächsten braucht, um die flackernde Flamme wieder etwas anzufachen, die mir aber gleichzeitig die Ketten aus Erwartungen, Liebe und Verantwortung aufzeigt, die mich an diesen Weg fesseln.

Nichts wird leichter, erfordert weniger Kampf als zuvor, hat mehr Bedeutung für mich. Jede Idee, die ich für meine Zukunft habe, ist genauso flüchtig, wie jedes andere Interesse, dass ich kurze Zeit verfolge und das dann seine Fähigkeit verliert, mich von der Sinnlosigkeit in allem abzulenken. Ich habe so viele Ideen gejagt, immer mit der Hoffnung, dass es diesmal allem einen Sinn geben würde. Mittlerweile nehme ich sie noch wahr, aber verfolge sie nicht mehr mit Enthusiasmus, weil ich weiß, dass sie doch wieder ein Trugbild sind. Diese Kraft habe ich nicht mehr, ich brauche sie, um mich durch die kleinen Schritte zu kämpfen, die jeder von mir erwartet.

 

 

PS. Weil ich vor Kurzem auf den Unterschied zwischen “jemandem etwas zutrauen” und “etwas von jemandem erwarten” gestoßen bin. Für mich ist keine von beiden stärkend und Ersteres die größere Belastung: wenn jemand etwas von mir erwartet, dann erfülle ich nur die gestellten Voraussetzungen nicht, wenn ich die Erwartung nicht erfülle; wenn mir jemand etwas zutraut, dann erfülle ich nicht nur die Voraussetzungen nicht, ich enttäusche auch auf einer persönlichen Ebene, da mir aufgrund meiner scheinbaren persönlichen Kompetenzen die Fähigkeiten zugesprochen wurden, die Aufgaben erfolgreich zu bewältigen.

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